Rühr mich nicht an!

Der nachfolgende Text ist ein Gastbeitrag, der sich mit den subjektiven Eindrücken und Erfahrungen von Sexualität im Kontext von Autismus befasst. Diese Erfahrungen sind keineswegs prototypisch für alle Autisten, sondern zeigen lediglich eine Möglichkeit auf. Der Text enthält Erwähnungen von BDSM.

Die Autorin (Name dem Redakteur bekannt) ist selbst Autistin und in ihren 20ern.


 

Rühr-mich-nicht-an bezeichnet:

  • Großes Springkraut (Impatiens noli-tangere)
  • gelegentlich auch andere Arten der Gattung Springkräuter (Impatiens)
  • als Übersetzung des englischen Namens („Touch-me-not“) die Schamhafte Sinnpflanze oder Mimose (Mimosa pudica)
  • Mich.

Korrekt.
Mich.
Denn auf Berührungen lege ich keinen Wert. Ich möchte Ihnen nicht die Hand schütteln. Unterlassen Sie es, eine Ihrer Gliedmaßen auf eine meiner Extremitäten zu legen, wenn Sie mir nahe sein wollen. Und nehmen Sie mich um Gottes Willen nicht in den Arm, wenn Sie meinen, mich trösten zu müssen, auch wenn man Sie Ihr Leben lang auf ein ebensolches Verhalten konditionierte.

Es ist nicht so, dass ich mich vor anderen Körpern ekele. Vielmehr fühlen sich Berührungen unangenehm an, sie sind zusätzliche Impulse, die mein Nervensystem schnell unter Stress setzen, denn mit der Reizverarbeitung kommt es ohnehin kaum hinterher. All die Sinnesreize, die jede Minute auf mich einprasseln, diese pausenlose Kakophonie aus Geräuschen, Gerüchen, und optischen Impulsen! Stellen Sie sich vor, die CPU-Auslastung Ihres Computers liegt bei 99% und dann öffnen Sie eine weitere Datei. Merken Sie, was mit ihm passiert? Das Betriebssystem wird quälend langsam, bis es sich schlussendlich aufhängt, so wie auch mein körpereigenes Rechenzentrum in den Zustand angestrengter Verwirrtheit verfällt, bis ich ein Ventil zum Druckabbau und zur Entlastung nutze.

Vielleicht mag es nun überraschen, dass ich mich jedoch keinesfalls davor scheue, mit anderen Menschen intim zu werden. Man könnte sogar sagen, es gefällt mir. Das ist weniger ambivalent, als es im ersten Moment klingen mag, es lässt sich sogar recht gut vereinbaren. Sind Berührungen vorhersehbar, erwartet man sie, sieht man sie – auf welche Weise auch immer – kommen, ist man darauf vorbereitet. Vorbereitung ist in diesem Fall das A und O für mein Gehirn. Nur dann kann ausreichend Arbeitsspeicher zur Verfügung gestellt werden, um diese Berührung zu verwerten und mit positiven Gefühlen zu verknüpfen. Außerdem ist Sex für mich eine wunderbare und fehlerquellenarme Möglichkeit, Kontakt zu Menschen aufzunehmen.
Wie kann das sein, werden Sie sich fragen, im leidenschaftlichen Spiel zweier sich wild liebender Körper Berührungen vorauszuplanen? Gibt es eine Art Choreographie? Abgesprochene Abläufe? Verzichtet man auf den für die Fortpflanzung unnötigen Körperkontakt?

Mitnichten.
Für mich ist die Lösung naheliegender.
Sex muss nicht zwingend ein chaotisches Durcheinander sein. Ergreift beispielsweise einer der Partner das Kommando, ist die Sache schon viel geordneter. Man weiß in etwa, was neben dem Blümchen-und-Bienchen-Teil passieren wird und kann sich auf Spannendes konzentrieren. Wirklich interessant ist doch das, was die Phantasie dabei hervorbringt! Sie wissen doch, dieses spezielle erotische Knistern, Sie nennen es vermutlich „Brainfuck“ (Aber bitte kein „Dirty Talk“, der ist für mich ebenso schwer erlernbar wie die Umgangssprache und klingt zugegeben maßlos albern). Zudem ziehe ich feste, für andere vermutlich schon schmerzhafte Reize den sanften vor. Für mich sind diese konkreter, greifbarer, eindeutiger und somit angenehmer. Och, nun schauen Sie nicht so, spätestens seit „50 Shades of Grey“ lockt man damit keinen Sittenwächter mehr hinter dem Ofen hervor.
Sollte diese Spielart einmal nicht auf Gegenliebe stoßen, sind auch Mittel der sprachlichen Kommunikation ein gutes Werkzeug: Ein geflüstertes „Ich streichele Dir nun den Rücken.“ hilft bereits. Auch gegen etwas Licht im Schlafzimmer lässt sich nichts sagen. Und sollte der Partner ganz unruhige Hände haben, muss man diese wohl oder übel an das Bettgestell binden. Es kann so einfach sein.
Übrigens: Auf das Kuscheln danach können wir gern verzichten. Lass uns lieber etwas schlafen.

8 thoughts on “Rühr mich nicht an!”

  1. pünktchen

    Mir geht es ähnlich. Ich brauche klare Reize und kommuniziere das dann auch.
    Allerdings kann ich dem Beisammensein danach ebenfalls viel abgewinnen, wenn nicht zu viel Bewegung im Spiel ist. Dabei kann dann aber gerne über alles mögliche geredet werden.

  2. Pingback: Melas Asperger und ADS Blog

  3. Pingback: rf011 – Hawk spricht mit MrsGreenberry auf Realitaetsfilter

  4. Pue

    Habe lange darüber nachgedacht hier zu kommentieren (welche E-Mail-Adresse gibt man da an? :D) .. aber ich muss mich einfach mal für den Artikel bei der Autorin bedanken! Manches wird einem ja erst richtig bewusst (und erst dann kann man sein Wissen ja erst ausnutzen), wenn jemand mal offen darüber schreibt.

  5. Froststurm

    das oben beschriebene erinnert mich total an die liebe meines lebens. ich war der einzige der sie berühren konnte aber dafür sehr intensiv. bdsm und sex gab es jeden abend mehrere stunden und das trotz ihrer leichten eregbarkeit.ich erinnere mich wie sie tagsüber immer sehr still wahr u.a. wegen ihrem sprachfehler,aber abends die wohngruppe zusammenschrie. ich bin selbst asperger deshalb waren wir in einer gruppe aber in unterschiedlichen häusern. bis zu dem tag wo ich gehen musste es war absehbar also tat ich mein bestes ihr das mitzugeben was sie zum überleben brauchte. ich ging mit den worten „ich liebe dich und ich werde wiederkommen und dich finden“. dann wurde ich abgezogen und sah sie nie wieder. als dann mein vater an krebs starb war es für mich vorbei erst vale dann papa.ich drehte durch und war nichtmehr ich selbst bekam schwere beteubungsmittel was alles nur schlimmer machte und hatte kontakt mit ihr war aber so geschädigt und betäubt das ich ihr im wahn das herz brach.erst vor einigen monaten kam ich wieder zu mir.seit dem suche ich sie vergebends es ist 4jahre her ja.aber ihr letzter satz war“ich dich auch ich werde immer auf dich warten“ ich will ihr erzählen warum ich gehen musste,sie alleine lies, und so viel mehr

    hier ein paar insider: dach der galeria kaufhof, kreole,geboren um zu leben=unheilig, 3.10.2010,vale,bbw

  6. Daniela

    Respekt für deine offenen Worte!
    Ich drücke Dir fest die Daumen, dass Du sie findest!
    Und sie wird auf Dich warten und verstehen. Asperger sind ja extrem loyal. Ich kenne das von mir..

    1. Froststurm

      danke,
      das problem ist aber das ich schwer krank bin und u.a. schwere organschäden habe, auf deutsch ich werde bald sterben,mein arzt meinte ich hätte noch ca.ein jahr und ich will alles geklärt haben bevor ich sterbe. wenn ich mir etwas wünschen dürfte dann friedvoll in ihren armen zu sterben.

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