Was ist Asperger denn nun…

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Ich verbringe viel Zeit damit, zu erklären, was Asperger nicht ist. Kein Autismus light, keine Vorstufe zu Autismus, und mit Spargel hat es auch nichts zu tun.

Bevor ich darauf eingehe was Asperger ist, möchte ich darauf hinweisen, dass sich dies ausschließlich um meine persönliche Meinung handelt, ich habe nicht den Anspruch eine wissenschaftlich hieb- und stichfeste Definition zu schreiben, sondern beziehe mich auf meine eigenen Erfahrungen sowohl mit mir selbst, als auch mit anderen Asperger-Autisten.

Das Asperger-Syndrom hat im noch aktuellen ICD-10 den Schlüssel F84.5. Damit gehört es zur Gruppe der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Es “ist durch dieselbe Form qualitativer Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen, wie für den Autismus typisch, charakterisiert, zusammen mit einem eingeschränkten, stereotypen, sich wiederholenden Repertoire von Interessen und Aktivitäten.” Soviel zur Theorie. Jeder, der aus diesem Satz nach dem ersten Lesen ein treffendes Bild über Asperger-Autisten ableiten kann, darf sich bei mir jetzt eine Tüte Gummibärchen abholen. Für alle anderen bleibt die Frage: Was heißt das in der Praxis?

Es ist üblich, eine Störung/Behinderung an ihren Defiziten zu beschreiben. Das ausschließlich zu tun macht bei Autismus wenig Sinn, vor allem, da nicht alles was gemeinhin als gestört gilt auch zwingend nur negative Seiten hat. Trotzdem möchte ich hier mit den Defiziten beginnen.
Im Grunde lassen sich die Probleme von Asperger-Autisten, nach meiner Beobachtung, in zwei grobe Kategorien einteilen. Probleme mit Umgebungsreizen und Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Hier gibt es aber keine exakte Grenze, sondern eine ziemlich große Schnittmenge zwischen diesen Bereichen.

Zuerst etwas zur Wahrnehmung. Der Mensch nimmt viele Dinge wahr, mehr als er verarbeiten kann. Aus diesem Grund sortiert das Gehirn der meisten Menschen vor. Es trennt wichtige Informationen von unwichtigen und so gelangt nur das, was diesen Selektionsprozess überstanden hat, wirklich in die bewusste Wahrnehmung.
Das funktioniert bei Asperger-Autisten nicht ganz so wie es soll. Die Informationen aus der Umgebung werden wenig oder gar nicht vorsortiert. Das Sortieren der Informationen und das Lenken der Aufmerksamkeit auf die relevanten Teile, zum Beispiel das gerade laufende Gespräch, oder der gerade vortragende Professor, muss bewusst stattfinden. Ich, und das hörte/las ich schon von vielen Asperger-Autisten, habe einen sehr ausgeprägten Detailblick, das heißt ich nehme das Meiste nicht als Gesamtbild wahr, sondern sehe die einzelnen Details nacheinander. So besteht zum Beispiel ein Sonnenuntergang am Meer für mich aus dem Jogger, der mit dem Hund den Strand entlang läuft, dem abgebrochenen Wellenbrecher, der herumfliegenden Plastiktüte, der anderen Farbe, die das Meer an der untergehenden Sonne hat, etc.…

Das bewusste Konzentrieren auf die wesentlichen Aspekte einer Situation kostet Energie, die Menschen, die nicht bewusst Filtern müssen, für andere Dinge verwenden können. Der Punkt, an dem nicht mehr genug Kapazitäten zur Verfügung stehen, um die unwesentlichen Details auszufiltern, ist der Punkt, an dem Asperger-Autisten das Problem der Überforderung haben. Wie sich das anfühlen kann beschreibt Querdenkender an anderer Stelle.

Das ganze klingt erst einmal ziemlich negativ, und das Ganze positiv zu betrachten scheint nicht so einfach. (Wirklich schwer das positiv zu betrachten fällt es aber erst, nach der 8. Stunde Vorlesung zu den Klängen von einer Strandparty, einer Baustelle und Laubbläsern…) Trotzdem kann ich, für mich gesprochen, durchaus auch die positiven Seiten einer anderen Wahrnehmung sehen. Dadurch, dass mehr Details meine bewusste Wahrnehmung erreichen, bekomme ich Dinge mit die vielen Anderen entgehen. Was zum Beispiel beim Suchen nach Fehlern und Defekten ziemlich praktisch ist.

Die andere grobe Kategorie ist der Umgang mit anderen Menschen. Die Besonderheiten hier sind sicherlich auch mitbedingt durch die andere Wahrnehmung. Manche Menschen gehen sogar soweit, alles auf die Wahrnehmung zurückzuführen.
Kommunikation zwischen Menschen ist ein komplexer Vorgang, auch wenn sich die meisten darüber nicht bewusst sind. Viele Informationen in der Kommunikation werden nicht allein von Sprache übermittelt. Nonverbale Kommunikation macht hier einen großen Anteil aus.  Mithilfe von Mimik, Gestik, Tonlage, Körperhaltung und auch Blicken wird der rein sachlichen/informativen Bedeutung der Sprache zusätzliche Bedeutung verliehen. Diese kann entweder die sprachlich übermittelte Information unterstützen, oder sie auch komplett umdrehen. So bedeutet ein “Nein, Schatz ich bin nicht sauer auf dich” im entsprechenden Tonfall meist alles, aber auf keinen Fall, dass der Partner nicht sauer ist.
Die meisten Menschen interpretieren diese nonverbale Kommunikation unbewusst, sie “wissen” einfach wie etwas gemeint ist. Anders bei Asperger. Ich war mir lange Zeit nicht darüber bewusst, dass man Dinge manchmal anders sagt als man sie meint, oder man ohne es zu sagen weitere Informationen mitliefert. Bis ich anfing, mich, damals zwangsweise im Deutschunterricht, mit Schulz von Thun und seinen Seiten einer Nachricht auseinanderzusetzen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die nonverbale Kommunikation nicht wahrgenommen, und dadurch auch nie darüber nachgedacht, sie zu interpretieren. Nachdem ich wusste, dass sie da ist konnte ich lernen sie zu interpretieren, aber auch das ist, wie das Filtern von Informationen, ein bewusster Vorgang, der Energie erfordert.
Dazu kommt, dass ich, wenn ich mich auf die gesamte Mimik und Gestik konzentrieren würde, nichts mehr vom Gespräch erfassen könnte, daher konzentriere ich mich auf einen Teil der nonverbalen Kommunikation, in meinem Fall Tonlage und Mundbewegungen. Andere Asperger, sofern sie darauf zu achten gelernt haben, beziehungsweise die Möglichkeit dazu hatten, konzentrieren sich auf andere Aspekte.

Ein anderer Aspekt des menschlichen Miteinanders sind Rituale, die nur schwer nachzuvollziehen sind, wenn man sie nicht unbewusst durch Sozialisation erlernte. Das kann manchmal schon bei Kleinigkeiten wie die Verwendung von Bitte und Danke anfangen. Bei mir selbst merke ich, dass solche Dinge schnell mal verloren gehen, wenn grade genug andere Dinge da sind, auf die ich mich konzentrieren muss. So rätseln die Leute, mit denen ich am Karfreitag essen war, wahrscheinlich immer noch wie ich eigentlich heiße, da ich beim koordinieren von Begrüßung und Gesprächen irgendwie vergaß, dass es sich beim kennenlernen von Leuten anbietet, den eigenen Namen zu nennen. Das hat nichts mit schlechter oder fehlender Erziehung zu tun.

Auch hier stellt sich wieder die Frage, wo zur Hölle soll da etwas Positives dran sein. Es ist so, dass viele Menschen in meinem Bekanntenkreis zu mir kommen, wenn sie gerade emotionales oder zwischenmenschliches Chaos haben. Nicht weil ich so gut darin bin, Mitgefühl zu zeigen, sondern eher, weil ich mich mit der Kommunikation und den Gefühlsreaktionen bewusst auseinander gesetzt habe und einen objektiveren Blick “von außen” darauf haben kann. Manchmal sehe ich so Lösungen, die Andere nicht gesehen haben. Wenn Freunde von mir auf der Suche nach Trost sind, bin ich dafür meist sehr weit hinten auf der Liste.

Fazit: Man kann über die Definition aus dem ICD sagen was man will, aber kürzer als mein Text ist sie definitiv. Denjenigen, die sich bis hierher durch den Text gearbeitet heben, möchte ich gratulieren. Dem Rest, der einfach nach unten scrollt und hofft, hier einen kurzen prägnanten Satz zu finden, was Autismus ist, kann ich nur raten das Mausrad wieder nach oben zu bewegen. Einen solchen Satz kann es nicht geben. Autismus ist ein Spektrum und Asperger ein Teil innerhalb dieses Spektrums, es ist bei niemandem gleich ausgeprägt. Nicht jeder hat die oben genannten Probleme in der gleichen Ausprägung und oft genug kommen noch weitere Probleme dazu. Daher kann ein solcher Text, der sich nicht auf reine Definitionen beschränkt, nur subjektiv geschrieben sein.

28 thoughts on “Was ist Asperger denn nun…”

  1. schnegge

    gute Erklärung von Autismus und wie ich ihn als außenstehende auch erklären würde. war übrigens einer derjenigen beim Karfreitagsessen 🙂

  2. Leonora

    Ein schöner Beitrag, der das Wesen von Autismus meiner Ansicht nach sehr gut erklärt. Gerade, weil er eben nicht verallgemeinert.:)

    Ich selbst erkannte übrigens schon recht früh (vielleicht mit 12, 13 Jahren), dass ich viele Dinge, die andere „von selbst“ machten, bewusst ausführen musste. Sowohl in Bezug auf die Motorik wie auf „richtiges“ Verhalten in sozialen Situationen. Und dass daher natürlich vieles für mich deutlich anstrengender war als für die Mehrheit. Über diesen Punkt dachte ich häufig nach – nannte das später, im jungen Erwachsenenalter, für mich selbst sogar „behindert ohne behindert zu sein“. Es war ja keine konkrete Einschränkung, die ich an irgendetwas „festmachen“ konnte. Daher hatte ich oft auch das Gefühl, gewissermaßen keine „moralische Entschuldigung“ dafür zu haben.

    An Autismus dachte ich seinerzeit übrigens noch nicht. Ich kannte den Begriff, assoziierte ihn jedoch mit wesentlich schwerwiegenderen, deutlicheren Einschränkungen, und hätte die Anwendung auf mich selbst als absurd, geradezu „frevelhaft“ empfunden.

  3. doktornihil

    Eine Bekannte hat den Artikel gelesen und meinte, sie könne mich (Asperger) und meine Handlungen / Reaktionen nun besser verstehen. Und ich merk mir für die Zukunft, Autismus immer zu erst mit sensorischer Verarbeitung und sozialer Kognition zu erklären. Die beiden Sachen scheinen tatsächlich der Schlüssel zum Verständnis (für Außenstehende) zu sein und lassen sich gut merken. Kompliment!

  4. steffano

    Obwohl ich wenig mit Autismus zu tun habe und nicht unbedingt nach einer Autismus-Erklärung gesucht habe, hat mich den Artikel neugierig gemacht. Er ist sehr informativ, dabei nicht so sachlich, wie die wissenschaftlichen Texte sind. Er hat mir erlaubt, den ersten Blick in dieses Thema zu werfen. Vielen Dank.

  5. Irene (@irene_muc)

    Um es noch komplizierter zu machen: Die Reizoffenheit / Reizfilterschwäche gibt es auch bei ADS und Hochsensitivität. Und die Grenze zwischen Hochsensitiven und Aspies (v.a. solchen mit Therory of Mind) ist wohl fließend…

    Neugierige Frage: Wenn Du irgendwo einen interessanten Vortrag hörst und die Leute hinter Dir plaudern, sodass Du Dich nur schlecht auf den Vortrag konzentrieren kannst – möchtest Du ihnen dann auch den Kragen umdrehen? Und tust Du das dann, oder brauchst Du auch ewig, um überhaupt irgendeine Missbilligung auszudrücken?

    1. h4wkey3 Post Author

      Viele der Symptome von Asperger finden sich auch in anderen Störungen/Erkrankungen. Deshalb haben viele Asperger-Autisten auch schon einen längeren Diagnose-Marathon hinter sich, bevor sie jemanden fanden der Asperger erkannte.
      Zu deiner Frage, das komt ein wenig auf die Situation an. In Vorlesungen in der Uni kann ich mich eigenltich relativ sicher drauf verlassen das der Prof die zusammenfaltet, da die Räume bei uns sehr hellhörig sind.
      In anderen Situationen geht meine Reaktion von einem Blick nach hinten, über eine freundliche Bitte doch leiser zu reden, bis zu aufstehen und woanders hinsetzen.

  6. Shia

    Wow, eine gute und verständliche Zusammenfassung.
    Bin zwar BorderlinerIn, aber mein Mann hat mich auf das Thema gebracht, da er viele Gemeinsamkeiten erkannte.
    Wie du beschrieben hast, nehme ich viel mehr wahr als Andere und kann mich dann auch schlechter auf Gespräche konzentrieren oder in befüllten Räumen etc.
    Meistens merke ich auch nur, dass jemand schlecht drauf ist, weil er sich ungewöhnlich verhält oder ich so eine erdrückende „Aura“ spüre. Mein Mann liebt die Satire, ich guck dann meistens nur wie ein Eichhörnchen „Willst du etwa sagen..? *traurig“
    Ich liebe auch das beständige: jeden Morgen auf Arbeit, Schuhe aus, Laufsocken an, Tee machen. Oder mit den selben Menschen umgänglich zu sein. Oder auf Zehenspitzen zu laufen
    Demgegenüber steht das Borderline’sche: das Wechselhafte (verschiedene Teesorten), das Verängstigte, das Unentschlossene und ein Meer an Flashbacks
    Aufjedenfall ist alles sehr energieraubend..
    Aber geht das überhaupt, beides auf einmal? Könnten auch nur Symptomüberschneidungen sein..

  7. Münchmeier Rosmarie

    Herzlichen Dank für so viel Input!
    Mein Sohn 26 har vor ca.10 monaten die Diagnose Asperger bekommen .Es war eine Befreiung.Durch andere sehr ernsthafte erkrankungen ist dieser Test bis jetzt nicht gemacht worden.
    Er hat sich zu enem wundervollen Menschen entwickelt, der sein Leben selbstständig und eigenverantwortlich organiesiert.Die Anstellung bei auticon hateinen großen Anteil dazu beigetragen.
    Mein eigenes leben hat durch ihn auch eine Wendung erfahren die mich vieles anders erkennen lässt.
    Für mich stellen Menschen mit solchen oder ähnlichen diagnosen auch ADHS z.b.die Schnittstelle in der Evolution hin zu einem anderen Bewusstsein dar. Sie passen nicht in die alten Werte und das neue Gesellschaftsbild ist erst noch im entstehen. Die „Noemalwerte“ verschieben sich ….
    Meien persöhnliche Erfahrung,sobald ich meinen Standpunkt verlasse „normal“ zu sein kann ich ganz viel von andern lernen.

    Rosmarie Münchmeier

  8. Literat

    Wie stehst Du eigentlich zur Rolle des Sheldon Cooper aus der „The Big Bang Theory“? Sicherlich klischéehaft, aber es entspricht ein bisschen dem, was ich selbst bei anderen Asperger-Betroffenen beobachten kann (in gewissem Maße auch bei mir).

    1. h4wkey3 Post Author

      Ich bin immer sehr zurückhaltend was das spekulieren über Diagnosen bei Rollen und Prominente angeht. Chuck Lorre sagte das Sheldon nicht als Asperger-Autist geplant gewesen sei. ( http://de.wikipedia.org/wiki/The_Big_Bang_Theory#Rezeption letzter Absatz. )
      Was meinen persönlichen Standpunkt angeht: Sheldon ist in den meisten seiner Eigenschaften sehr überspitzt, aber es gibt durchaus Momente, in denen ich mich in einigen davon wiedererkenne. Ob ich Sheldon nun für autistisch halte, weiß ich nicht, aber als besondere Identifikationsfigur sehe ich ihn nicht.

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  10. 407411

    Hallo,

    auf euren Blog aufmerksam geworden bin ich durch die (m.E. nach verdienter- und gerechterweise) negativen Rückmeldungen insbesondere auf jenen katastrophalen Artikel bei SpOn – den ich hier jetzt jedoch einmal nicht direkt thematisieren möchte. Doch, eines will ich sagen: Ihr spracht mir mit euren Kontrapunkten gegen jene Tiefpunkte des Journalismus aus der Seele, und dafür danke ich euch!

    Du schriebst: „Sheldon ist in den meisten seiner Eigenschaften sehr überspitzt, aber es gibt durchaus Momente, in denen ich mich in einigen davon wiedererkenne.“

    Ja, BBT 🙂 … Ich sage mir dazu – zwar sind die vier Jungs sicherlich teils stark überzeichnet dargestellt in ihrem unkonventionellen Verhalten, um es einmal so zu bezeichnen. Gleichwohl sehe auch ich (ebenfalls Asperger, festgestellt mit 30 Jahren) zumindest gewisse Parallelen zu meinen eigenen Verhaltensweisen und Vorlieben, wenngleich ich heute, da ich weiß, wie ich „funktioniere“, zumeist auftretende Klippen umschiffen kann. Was, wie du ebenfalls richtig schreibst, aber mitunter kräftezehrend sein kann.

    Das aber will ich kein Hindernis sein lassen, um mich derzeit beruflich in eine Richtung zu bewegen, die man vielleicht nicht unbedingt mit AS assoziieren würde; auch hier aber strebe ich insofern danach, die positiven Aspekte dieser Eigenart als Ressourcen zu verwenden.

    Und noch mal zum Stichwort BBT: Mehr noch als zur Figur des Sheldon sehe ich bei mir durchaus gewisse Parallelen zu Leonard 🙂 .

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  14. Marie

    Danke für diesen Text!
    Ich (27) habe gerade erst entdeckt, dass ich Asperger bin und dein Text hat mir einiges, was mir noch nicht bewusst war, gezeigt.
    Dieser Blog begleitet mich momentan auf meiner Entdeckungsreise und ich bin gespannt, welche Themen noch auftauchen werden 🙂

  15. Thorsten

    Wow 🙂 Ich erkenne mich in jedem Satz, hätte dies aber niemals selbst so verfassen können.

    Vielen Dank dafür.

    Gern würde ich Sie näher kennenlernen, wäre an einem Erfahrungsaustausch sehr interessiert.

  16. Pirum

    Sehr gut geschrieben. Dankeschön 🙂
    So nehme ich es wahr: Herausforderungen auf der Beziehungsebene und in der Umgebung.

    …ich habe kein Rollrad an meiner Maus.

  17. Stephan Fleischhauer

    „Probleme mit Umgebungsreizen“

    Diese Erläuterung von (Asperger-)Autismus höre ich sehr oft von Betroffenen, aber lese sie so gut wie nie in der Fachliteratur. Darum würde mich interessieren, ob es dazu fachliche Quellen gibt.

    Ich verstehe auch nicht so ganz, warum sich Betroffene auf dieses schwierige Feld der funktionalen Defizite begeben. Es ist meines Wissens überhaupt nicht geklärt, wie Asperger-Autismus (funktional) verursacht ist. Abgesehen davon gibt es in diesem Bereich konkurrierende Theorien, z.B. Defizite bei der Theory of Mind als bekannteste. Weitere Modellansätze sind Weak Central Coherence, Hyper-Systemizing Theory, Executive Dysfunction.

    Warum wird ein einziges Modell – dieses „Reizfilter“-Modell – immer so in den Vordergrund gestellt? Besteht da nicht die Gefahr, dass man gleich einen neuen Mythos schafft? Soweit ich weiß, ist eine Beeinträchtigung der Sensorik/Wahrnehmung nicht notwendig für die Diagnose von (Asperger-)Autismus. Eine solche Einschränkung geht auch aus den standardisierten Diagnosekriterien nicht hervor. Man schafft hier unnötig eine Nähe zur Hypersensibilität, dabei ist es doch die Absicht der Autoren dieses Blogs, Fehlinformationen zum Autismus entgegenzutreten. Einerseits wird hier Anstoß daran genommen, wenn Autismus mit Inselbegabungen verwechselt wird, andererseits erzeugt man an anderer Stelle neue Mythen („mangelnde Reizfilterung“).

    Wenn man die Kernsymptomatik des Asperger-Autismus erläutern möchte, wäre es doch sinnvoll, eine reine Syndrombeschreibung (ohne funktionelle Interpretationen) vorzunehmen und sich einfach auf die bewährten Diagnosekriterien zu berufen, bei denen wirklich ein breiter fachlicher Konsens herrscht: Der frühe Beginn im Kleinkindalter (typischerweise in Gruppen mit vielen Kindern wie etwa im Kindergarten), die Beeinträchtigung in den sozialen Interaktionen und die stereotyp-repetitiven Verhaltensweisen.

    Ich erlebe es ganz häufig, dass genau diese Grundsymptomatik überhaupt nicht erwähnt oder wenn, dann nur beiläufig angesprochen wird. So als wäre das gar nicht so wichtig.

    Die Beeinträchtigungen im sozialen Bereich werden auch oft darauf reduziert, dass nonverbale Sprache des Gegenübers nicht richtig erkannt wird. Das ist aber nur ein Teilaspekt.

    Auch die sehr häufigen (!) motorischen Auffälligkeiten werden nur selten erwähnt.

    Alles in allem habe ich den Eindruck, dass das Bild, dass die bekannteren bloggenden Asperger-Autisten keine wirklich fundierte Aufklärung betreiben, weder über das Asperger-Syndrom noch den Autismus allgemein.

  18. Stephan Fleischhauer

    „Kein Autismus light“

    Würdest du sagen, dass ein Asperger-Autist genauso schwer betroffen ist wie ein („low-functional“) Kanner-Autist?

    1. Benjamin Falk Post Author

      @Stephan Fleischhauer: Ich würde zwei Dinge sagen. Zum einen würde ich sagen, dass man als unbeteiligter von außen erstmal nur sagen kann, wie auffällig derjenige ist, sofern man nicht den großen Diagnostik-Koffer rausholt. Nicht wie schwer es denjenigen nun betrifft.

      Was ich aber hauptsächlich sagen würde und auch immer wieder sage ist, dass die Unterscheidung der Diagnose nicht mit einer Unterscheidung zwischen schwer und leichtem Autismus gleichzusetzen ist. Es gibt innerhalb des autistischen Spektrums durchaus Kanner, die besser „funktionieren“ als Asperger und Asperger die wesentlich mehr Probleme haben als Kanner. Maßgeblich geht es mir darum dass der Rückschluss von der Diagnose auf den Schweregrad so nicht funktioniert.

  19. Stephan Fleischhauer

    Man kann aber sagen, dass Asperger-Autisten meistens besser in der Gesellschaft intergriert sind als Kanner-Autisten. Abgesehen davon ist umstritten, ob sich „High Functional“-Autismus und Asperger-Syndrom überhaupt in relevanter Weise unterscheiden.

    Wird mein anderer Kommentar auch noch freigeschaltet?

    1. Benjamin Falk Post Author

      @Stephan Fleischhauer: Das könnte man sagen, allerdings kenne ich persönlich für das „meistens“ schon genug Ausnahmen, denen aber durch ihre Diagnose unterstellt wird, sie würden keine Hilfe brauchen, weil sie ja nur den leichten Autismus in Form von Asperger diagnostiziert haben. Letzten Endes bleibt nur eine grobe Tendenz, dass Asperger etwas öfter besser klarkommen und der Rest sind Vorurteile.

      High- und Low-Functioning Autismus sind übrigens keine eigenständigen Diagnosen, sondern lediglich Unterscheidungen die dem Kontext der Forschung entstammen.

      Dein Kommentar wurde freigeschaltet, sobald ich Zeit dazu hatte.

  20. Stephan Fleischhauer

    „denen aber durch ihre Diagnose unterstellt wird, sie würden keine Hilfe brauchen, weil sie ja nur den leichten Autismus in Form von Asperger diagnostiziert haben“

    Das verstehe ich nicht. Du meinst, eine Asperger-Diagnose „unterstellt“, dass man keine Hilfe braucht?

    Gilt Autismus nicht überhaupt als eine der schwersten psychischen Beeinträchtigungen?

    1. Benjamin Falk Post Author

      @Stephan Fleischhauer: „Das verstehe ich nicht. Du meinst, eine Asperger-Diagnose “unterstellt”, dass man keine Hilfe braucht?“
      Wenn du an jemanden gerätst, der Asperger als leichten Autismus betrachtet und von dem die Bewilligung von Hilfen abhängt, kann es durchaus passieren, dass diese ohne nähere Betrachtung deiner tatsächlichen Probleme abgelehnt werden, mit der Begründung dass es ja nur leichter Autismus ist und man für leichte Probleme keine Hilfe braucht. Leider ist diese Argumentation nicht einmal selten.

  21. Stephan Fleischhauer

    Ist es nicht auch manchmal sinnvoll, zu betonen, dass jemand nicht unter einer schweren Form leidet?

    Wenn ich mir vorstelle, ich müsste Eltern erklären, dass ihr Kind Asperger-Autist ist, würde ich dazu sagen, dass dies nur eine leichte Form von Autismus ist.

    Du sagst in dem Podcast Themen & Köpfe (bei etwa 1h 34min)
    Ich wurde relativ früh, also verhältnismäßig früh diagnostiziert, es müsste irgendwann mit vierzehn gewesen sein. Ich kann das deshalb nicht so genau sagen, weil ich halt nicht in diesem Moment, wo ich auch diese Diagnose hatte, dann den Satz vorn Kopf geknallt gekriegt hab «Ach übrigens, du bist Autist», wofür ich meinen Eltern auch immer noch dankbar bin, es gibt Eltern, die machen das anders.

    Diese Unterscheidungen innerhalb des autistischen Spektrums erscheinen mir recht wichtig zu sein. Ich glaube auch kaum, dass das jemals aufgegeben wird.

    Es sieht so aus, als wird es auch in ICD-11 Subgruppen geben, hier wird sogar noch deutlicher als bisher auf den Schweregrad abgehoben:

    ICD-11 Beta Draft

    7A20 Autism spectrum disorder

    7A20.1 Autism spectrum disorder without disorder of intellectual development or impairment of functional language

    7A20.2 Autism spectrum disorder with disorder of intellectual development

    7A20.3 Autism spectrum disorder with impairment of functional language

    7A20.4 Autism spectrum disorder with both disorder of intellectual development and impairment of functional language

    7A20.Y Other specified autism spectrum disorder

    7A20.Z Autism spectrum disorder, unspecified

  22. Benjamin Falk Post Author

    @Stephan Fleischhauer:
    Ja, es lassen sich sicherlich Situationen finden, in denen es Sinn macht von leichtem Autismus zu sprechen. Allerdings sollte man das dann auch nur tun, wenn die Probleme des Kindes sich tatsächlich in Grenzen halten und nicht auf Grundlage des Namens der Diagnose.

    Grundsätzlich gilt, vollkommen unabhängig davon was nun im neuen ICD steht (bisher gestellte Diagnosen haben einen Bestandsschutz) und was man davon halten mag, dass es nicht richtig ist, Asperger pauschal als leichte Form von Autismus zu bezeichnen. Das war nie richtig und das wird auch nie richtig sein.

  23. Pingback: Goldener #Blogger2015 – TDM ist nominiert! | Teil der Maschine

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