Liebe Wunderweib Redaktion

In der Kategorie “Fit & Gesund” auf Ihrer Website findet sich unter der Rubrik “Krankheitsbilder” ein Artikel über Autismus (Vorsicht: der ist mal wieder nicht grad Blutdrucksenkend). Zuallererst ist die Kategorisierung schon durchaus problematisch, da Autismus laut ICD-10 zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gezählt wird. Ebenso kann man Autismus als Behinderung betrachten. Autismus als Krankheit zu bezeichnen ist jedoch falsch.
Der Artikel beginnt mit den Sätzen:

Unter Autismus versteht man die krankhafte Abkehr von der Umwelt. Eine unsichtbare Mauer trennt Menschen, die unter Autismus leiden, von ihrer Umwelt.

Zuallererst bin ich erfreut, dass Sie an dieser Stelle zu einer Bilderserie verlinken in der unter Punkt 7 der Impfmythos als Mythos aufgeklärt wird. Leider bedient dieser Satz dafür einige andere sehr beliebte Klischees, die in dieser Form falsch sind.
Autismus ist ein Spektrum, von dem es viele Formen und Abstufungen gibt. Die hier beschriebene “krankhafte Abkehr von der Umwelt” ist nur ein Extrem des Autismus. Ebenso, das sehr dramatische Bild von der “unsichtbaren Mauer”. An dieser Stelle würde mich interessieren, woher sie diese Information beziehen. Viele Autisten sind durchaus in der Lage mit ihrer Umwelt zu kommunizieren und zu interagieren, Ich selbst bin Autist und keine unsichtbare metaphorische Mauer hinderte mich daran, ihren Artikel zu lesen und ihnen jetzt diese Email zu schreiben. Außerdem halte ich es für etwas vermessen pauschal allen Autisten zu unterstellen sie würden an Autismus leiden. Ob jemand an/unter etwas leidet, sollte er selbst wissen.

Positiv ist hier noch einmal festzustellen, dass Sie im Folgenden die Möglichkeit einräumen, dass Autisten in der Lage sind diese Fähigkeiten zu erlernen.
Autismus kann in Verbindung mit anderen Beeinträchtigungen vorkommen, die zu zusätzlichen Beeinträchtigungen führen. Die Ursachen für Autismus sind nicht vollständig geklärt, man geht von einer Mischung aus verschiedenen Faktoren aus. Pauschal die genetische Ursachen anzuführen und die anderen als begünstigend anzuführen ist durchaus grenzwertig.

Außergewöhnlich: Die Erkrankung kann mit geistiger Behinderung ebenso wie mit besonders hoher Intelligenz einhergehen. Die Kranken reagieren kaum auf andere Menschen. Die Sprachentwicklung ist gestört und Unterhaltungen fallen schwer.

Eine gestörte Sprachentwicklung kann Teil des Autismus sein, muss aber nicht. Bei vielen Autisten ist die Sprachentwicklung auffällig, so kommt es zum Beispiel vor, dass einige Autisten eine sehr gehobene Sprache verwenden, aber die Entwicklung der Sprache kann vollkommen unauffällig sein.

Ganz typisch: Autisten kapseln sich ab, neigen zu Ritualen und wiederkehrenden Handlungen. Werden sie beim Ausüben ihrer Gewohnheiten gestört, kann dies Aggressionen auslösen, die sich oft gegen die eigene Person richten.

Auch an dieser Stelle schildern Sie ein Extrem welches bei Autisten durchaus vorkommen kann, aber keinesfalls die Regel darstellt. Es stimmt, dass viele Autisten ihre Routine brauchen, wenn diese gestört wird kann die Reaktion darauf aber sehr unterschiedlich ausfallen. der Gegenpol zu ihrer Schilderung ist dass man es einigen Autisten nach außen hin gar nicht anmerkt und sie z. B. einfach nur ein bisschen mehr gestresst sind.

Dafür entwickeln Autisten auf speziellen Gebieten große Fähigkeiten und vor allem ein enorm gutes Gedächtnis.

Ich wünschte es wäre so. Ich persönlich habe weder große Spezialinteressen (und ich unterstelle an dieser Stelle einfach mal, dass Sie sich auf Spezialinteressen beziehen und nicht auf Inselbegabungen), noch ein “enorm gutes Gedächtnis”. Auch hier gilt wieder: Kann vorkommen, muss aber nicht.

Die Feststellung, dass Autismus nicht heilbar ist, ist richtig, ebenso dass gelernt werden kann damit umzugehen. Ebenso wie der Hinweis auf Selbsthilfegruppen. Zu den Medikamenten möchte ich an dieser Stelle allerdings darauf hinweisen, dass Medikamente nur die Symptome unterdrücken, die der Autismus mit sich bringt, nicht allerdings den Autismus selbst.

Alles in allem hat ihr Artikel einige Stellen, wo durchaus Erkenntnisse durchklingen, von denen wünschenswert wäre, dass sie bei der breiten Masse ankommen, allerdings wird in großen Teilen des Artikels ein veraltetes Bild von Autismus dargestellt, welches die gängigen Vorurteile und Klischees bedient.

Wenn sie der Redaktion selbst ihre Meinung zum Artikel mitteilen möchten, können sie das unter der Mail-Adresse der Online-Redaktion tun: online@wunderweib.de

2 thoughts on “Liebe Wunderweib Redaktion”

  1. Lasse

    Wow, der Artikel hat dich ja richtig sauer gemacht. Das nächste Mal bitte erst den Warnhinweis lesen und dann erst den Link anklicken… ;o)

  2. Puepue

    Ich finde das hast du gut geschrieben!
    Ich finde das hier gut: „Ebenso kann man Autismus als Behinderung betrachten. Autismus als Krankheit zu bezeichnen ist jedoch falsch.“

    Wobei ich immer sage: Das ist eine andere Weltsicht. Und ehrlich gesagt finde ich die meistens „korrekter“ als andere Sichten auf die Welt 🙂

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