Von Vulkaniern und Autisten

„Autisten haben keine Gefühle“, „Kalte, gefühllose Autisten“, „Genies, unfähig Gefühle zu empfinden“. So oder so ähnlich liest und hört man immer wieder in Medienberichten aller Art. Auch nach Jahren ist dieses Bild der gefühllosen Autisten nicht aus den Köpfen vieler Menschen zu bekommen. Dabei könnte es von der Realität kaum weiter entfernt sein. Natürlich haben Autisten Gefühle. Ich würde an dieser Stelle sogar so weit gehen, dass sich diese Gefühle nicht von den Gefühlen unterscheiden, die Nicht-Autisten auch haben. Mit all ihren Vor- und Nachteilen. Wie kommt es also, dass sich dieses Bild so hartnäckig hält?

Einer der wahrscheinlichsten Gründe ist wohl in der Historie von Autismus zu sehen. In einer Zeit, als das Bild des Autismus auf nicht-sprechende pflegebedürftige Menschen reduziert war, die augenscheinlich nicht mit ihrer Umwelt interagierten. Hier fand auch das Bild des Lebens in einer eigenen Welt seinen Ursprung. Unter dieser Ausgangssituation und der weit verbreiteten Annahme, dass etwas dass man nicht sieht, auch nicht da ist, war die Schlussfolgerung, dass Autisten keine Gefühle haben unvermeidlich.

Das Bild von Autismus hat sich seitdem gewandelt. Mittlerweile sind sich die meisten Menschen bewusst, dass es auch Autisten gibt, die sprechen können. Nichtsdestotrotz bleibt die Aussage, dass Autisten keine Gefühle hätten, hartnäckig bestehen. Das Bild in den Köpfen hat sich dabei von Menschen, die „in ihrer eigenen Welt gefangen sind“ zu einem Bild von hochintelligenten und rein rational handelnden Vulkaniern1 gewandelt. Einer vermeintlich emotionslosen, hochintelligenten Spezies aus dem Star Trek-Universum. Dabei zeigen Autisten durchaus Gefühle. Die Art mit der sie das tun ist dabei jedoch nicht zwingend die gleiche, wie bei Nicht-Autisten, die ihre Gefühle in der Regel durch Gestik/Mimik, Tonlage oder verbale Kommunikation zum Ausdruck bringen. Genau wie Autisten Probleme damit haben, diese Signale bei anderen Menschen zu interpretieren, senden sie diese Signale nicht, oder zumindest anders, aus. Einige der auffälligsten Merkmale bei vielen Autisten sind ungewöhnliche Betonung in der Sprache und auffällige Mimik. Dies bedeutet, dass für Nicht-Autisten, die herausfinden wollen, wie ein Autist sich fühlt bereits zwei von drei Mechanismen ausfallen. Viele der Signale, an denen man im Regelfall festmachen könnte, wie ein Mensch sich grade fühlt bleiben in der Kommunikation aus.
Der für Nicht-Autisten verbleibende Weg ist die verbale Kommunikation. Dieser Weg ist jedoch der vergleichbar unüblichste. Es gibt nicht viele Situationen, in denen Menschen ausgedehnte Diskussionen über ihr aktuelles Gefühlsleben anstrengen. Und selbst wenn sich eine solche Möglichkeit ergibt, besteht zusätzlich das Problem, dass man seine eigenen Gefühle zunächst verstehen muss. Da diese jedoch nicht immer festen Regeln und Mustern unterliegen kann dies ein großes Hindernis sein. Aber selbst wenn man seine eigenen Gefühle identifiziert und verstanden hat, heißt das nicht, dass man diese auch adäquat verbalisieren kann. Die Sprache in der Emotionen kommuniziert wird ist weit weg davon sauber definiert und einheitlich zu sein, so dass es an vielen Stellen einfach keine Sicherheit dafür gibt, auch das passende Wort für die passende Emotion zu finden.

Dabei zeigen auch Autisten Gefühle. Sie tun es nur anders. So anders, dass es nicht auffällt. In meinem Fall ist meine Bereitschaft jemandem eines meiner Bücher zu leihen, nichts anderes, als ein Ausdruck großen Vertrauens. Genau so, wie ich nur Menschen, die ich wirklich mag, freiwillig in meine Wohnung (und damit meinen Rückzugsraum) lassen würde. Handlungen, bei denen sich die meisten Menschen nicht viel denken, da sie für sie keine besondere Bedeutung haben. Diese Beispiele betreffen jedoch nur mich. Die Mittel Emotionen zu kommunizieren sind so unterschiedlich wie die Autisten selbst und lassen sich nicht allgemeingültig beschreiben. Man kann sie jedoch herausfinden, wenn man sich die Zeit nimmt, einen Autisten kennen lernt und der eigenen Neigung, von sich selbst auf andere zu schließen, aktiv entgegen wirkt. Das mag anstrengend sein, kann sich aber im Umgang mit Autisten sehr lohnen.

  1. Ein wenig bekannter Fakt ist, dass Vulkanier durchaus über Emotionen verfügen, diese jedoch als so schädlich betrachten, dass sie beschlossen haben, diese durch jahrelanges Training zu unterdrücken.

3 thoughts on “Von Vulkaniern und Autisten”

  1. Hannah

    Ich hab mich neulich gefragt, ob ich irgendwie ein awkward-eiskaltes Herz bin, weil ich gemerkt habe, dass ich genau keine Gefühle habe, wo welche von mir erwartet werden.
    Vielleicht kommt dieses Vorurteil genau daher – dass die Menschen denken, nur weil man nicht auf die „übliche“ Art und auch nicht zu den „üblichen“ Zeitpunkten emotional ist.

  2. Conny

    Ich finde das Thema Autismus unglaublich interessant, bin selber Nicht-Autist, erkenne mich aber in manchen Dingen trotzdem wider. Ich bin allerdings nicht so bewandert im Thema, dass ich mich perfekt ausdrücken kann und hoffe, man verzeiht mir, wenn ich in Fettnäpfchen trete.

    Zum Thema Gefühle anderer habe ich eine kleine Geschichte und ein Theorie, die auch interessant sein könnte:

    Ich hatte mal einen Partner, der seine Gefühle, ähnlich wie manche Autisten(?), nicht zeigen konnte. Nicht zeigen heißt hier, dass der einzige Weg, die Gefühle zum Ausdruck zu bringen, war, mir diese zu schreiben. Das führte für mich zwar dazu, dass ich wusste, dass ich geliebt werde, aber mich nicht geliebt gefühlt habe.

    Meine Theorie hierzu sind Spiegelneurone. Kurze Erklärung dazu: Es gibt Neurone, die reagieren, wenn wir z.B. die Hand schließen, und es gibt Neurone, die reagieren, wenn wir eine Hand sehen, die sich schließt und es gibt eben Spiegelneurone, die in beiden Fällen reagieren. Die Theorie besagt, dass wir über diesen Mechanismus nachfühlen können, was andere fühlen, weil wir das was wir sehen mit unseren eigenen Handlungen verknüpfen. Ein typische Beispiel ist das Mitfühlen, wenn sich jemand anderes verletzt. Spiegelneurone sind ein bekanntes und erforschtes Phänomen, aber es könnte vielleicht auch auf Gefühle angewendet werden. Man sieht durch Mimik und Gestik die Gefühle des Gegenüber und erkennt diese über die Spiegelneuronen wieder. So haben diese eine „echtere“ Wirkung, als wenn jemand „nur“ sagt, dass er ein Gefühl fühlt.

    Um es abstrakt zu versuchen: Wenn jemand einem Blinden sagt, dass vor ihm eine wunderschöne Blume steht, dann weiß er es, aber er sieht sie trotzdem nicht.

    Das heißt natürlich nicht, dass Leute, die Gefühle nicht zeigen können, keine haben (die Blume ist ja trotzdem da). Ich wollte nur versuchen zu sagen, dass es für Nicht-Autisten wahrscheinlich einen Unterschied zwischen Gefühlen zeigen und Gefühlen beschreiben gibt, der sehr viel Mühe zu überwinden erfordert.

    Ich habe mich damals wie der Blinde gefühlt, der die Blume so unglaublich gerne gesehen hätte, aber ich habe mich absolut hilflos gefühlt, weil ich eben das nicht konnte.

  3. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #231

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