Fuchskind – Mein Autismus in 500 Worten

Es ist keine Marmelade mehr da. Also unsere Marmelade, es gibt nämlich nur eine Sorte, die mein Mitbewohner und ich gerne essen. Morgens gibt es für mich eine Scheibe Brot mit Erdnussbutter und besagtem Fruchtaufstrich, damit der gut Tag anfangen kann, besonders wenn ich aus dem Haus gehen muss. Mein kleines süß/salziges Rettungsboot, das mich durch die reizende Welt da draußen schippert.
Dazu gibt es schwarzen Kaffee aus einer gelben Tasse, das erinnert mich an eine Sonnenblume und die mag ich im Gegensatz zur richtigen Sonne richtig gerne. Wenn die gelbe Tasse gerade im Geschirrspüler ist, darf es auch eine andere Tasse sein. Dann muss aber ein Schuss Sojamilch in den Kaffee.

Ohne Frühstück funktioniert mein Tag nicht. Als würde ich versuchen, aus der Haustür zu gehen, ohne vorher das Bett zu verlassen. Es fehlt das Ritual, das mich in die laute Umgebung entlässt, das mir Sicherheit gibt. Es gibt viele Rituale, die meinen Alltag erleichtern, aber das Frühstück ist mit Abstand das Wichtigste.

Aber zurück zur Marmelade. Mein Mitbewohner mag sie gerne, aber manchmal isst er auch Cornflakes oder einen anderen Aufstrich. Sie ist für ihn nicht ganz so wichtig wie für mich. Normalerweise achten wir immer drauf, dass die wichtigsten Utensilien für unseren Alltag immer vorrätig sind, diesmal hat es aber irgendwie nicht geklappt. Da haben wir den Salat. Und auf den habe ich gerade gar keine Lust, nicht mal auf Obstsalat. Leider gibt es nur ein paar Läden, in denen es unsere Marmelade zu kaufen gibt und die sind nicht um die Ecke. Aber wie soll ich ohne Frühstück hinausgehen, in den entfernten und lauten Supermarkt? Und wenn die Marmelade diesmal gar nicht da ist? Oder zu hoch im Regal, so dass ich nicht herankomme, ich müsste jemanden um Hilfe bitten… Oder wenn…

Mein Mitbewohner schnappt sich seinen Rucksack und geht aus der Tür. Nach einer halben Stunde kommt er lächelnd mit 16 Gläsern unserer Marmelade wieder. Er hätte noch mehr mitgebracht, aber mehr passten einfach nicht in seinen Rucksack, sagt er. Ich setze Kaffee auf und wir frühstücken, während ich schon überlege, wo ich die ganzen Gläser verstaue. Für unser Marmeladenfach im Schrank sind es zu viele, aber ich bekomme das schon hin.

Mein Mitbewohner ist Autist, so wie ich. Er ist auch mein bester Freund. Wir verstehen uns und kennen unsere Macken, Stärken und Schwächen. Ich habe es noch nie so lange mit einem Menschen ausgehalten, schon gar nicht in einer WG. Freundschaften waren für mich immer schwierig, ständig hatte ich das Gefühl nicht zu genügen, egal wie sehr ich mich bemühte. Gleichzeitig war ich aber von der ständigen Präsenz, den Wünschen und Erwartungen der anderen Menschen schnell völlig überfordert. Mit ihnen konnte ich nicht leben, ohne sie fühlte ich mich auf Dauer aber auch zu einsam. Dazu bin ich noch ständig auf Hilfe von Außen angewiesen, um meinen Alltag meistern zu können. Wer hält das schon auf Dauer aus?

Manchmal wird mir bewusst, wie viel Glück ich mit meinem besten Freund habe. Ich glaube, heute Abend schauen wir mal wieder Loriot.

Loriot Comic von Fuchskind


Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Mein Autismus in 500 Worten“.

Alle Beiträge dieser Reihe kannst du hier nachlesen. Nähere Informationen zu dieser Reihe und dazu wie du dich beteiligen kannst findest du auf dieser Seite.

„Fuchskind ist eine 31 Jahre alte Asperger Autistin und zeichnet Comics, die sie unter anderem auf ihrer Website veröffentlicht: www.fuchskind.de.
„Schattenspringer“, ihre autobiographische Graphic Novel über das Asperger Syndrom, ist ab 18.03. als Print- und Ebook-Version erhältlich.“

3 thoughts on “Fuchskind – Mein Autismus in 500 Worten”

  1. mo jour

    Hallo Fuchskind!
    Nach dem Lesen deines wunderbaren Textes verbringe ich nun schon den halben Vormittag auf deiner Webseite (obwohl ich doch eigentlich etwas ganz anderes …), habe mich durch den fantastischen Schattenspringer geklickt, mich unzählige Male wiedergefunden. Nun sitze ich hier heulend und lachend zugleich. Es ist großartig, was du machst. Herzensdanke!

    Großes Danke auch an Hawkeye für dein Blog und für diese Reihe in lockerer Folge. Ich lerne mindestens so viel über mich selbst wie über andere.
    Das hilft!

  2. Julia

    Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und die Informationen aufbereitet für uns präsentieren. Weiter so!

  3. Pingback: 09. Mrz. 2014 – 21:00 | Die schönen Dinge des Lebens

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