Der Kopfhörer bleibt drinnen.

Es gibt einige, meist persönlich geprägtere, Texte, die überlege ich schon lange zu schreiben. Bei der Überlegung bleibt es dann aber lange Zeit nur, weil diese Texte ein großes Potenzial haben, missverstanden zu werden, worauf sich dann Leute furchtbar auf den Schlips getreten fühlen, was ich in der Regel vermeiden will. Nun schreibe ich diesen Text trotzdem, einfach nur weil ich keinen Nerv mehr darauf habe, von anderen Menschen erklärt zu bekommen, dass ich mich jetzt anständig verhalten solle.

Der Stein des Anstoßes sind meine Kopfhörer. Seitdem sich tragbare Musikabspielgeräte durchgesetzt haben, nehmen die dazugehörigen Abendlandsuntergangsszenarien nicht ab. Millionen Menschen mit Hörschäden, niemand redet mehr miteinander, wir werden alle zu Zombies. Was davon übrig bleibt, zeigt die Zeit gerade. Aber es gibt noch eine weitere Sache, die im Rahmen von öffentlich kopfhörertragenden Menschen immer wieder ins Feld geführt wird. Nämlich, dass diese Dinger einfach nicht rausgenommen werden. Auch nicht in Gesprächen, was von allen Beteiligten (zurecht) als ziemlich unhöflich empfunden wird und zu allgemeinen Verstimmungen führt. Auch ich mache meine Kopfhörer raus wenn ich mich mit anderen Menschen unterhalte.

Meistens.

Gegen den Krach gibt es auch eine Waffe. Anderen Krach. Aber besseren Krach.

Das Problem ist, dass es im Alltag Situationen gibt, in der die Menge und Anzahl der Hintergrundgeräusche ein Level erreicht, dass ich es nur durch Konzentration allein nicht mehr schaffe auszublenden. An dieser Stelle habe ich in etwa drei Alternativen. Die erste wäre, mir das Trommelfell durchzustechen, was aber eine ziemliche Sauerei ist und ich deshalb vermeiden wollen würde. Ansonsten bleibt, den Lärm künstlich auszufiltern. Das ginge entweder durch Gehörschutz oder durch Übertönen.
Man muss sagen, ich mag meinen Gehörschutz sehr, – an sehr vielen Wohnheimtagen ist er das einzige, was zwischen mir und einem Schreikrampf steht – aber es gibt Situationen, in denen er einfach unpraktisch ist, da man ihn nicht mit einer einhändigen schnellen Handbewegung in die Ohren rein und auch wieder raus bekommt, geschweige denn unaufällig. Außerdem kann ich nicht regulieren, wie stark er die Außengeräusche dämpft, es gibt nur Krach oder Stille.

Also bleibt als Alternative, den Lärm zu übertönen, wie in diesem treffenden „Ben X“-Zitat beschrieben. Das Problem kommt dann, wenn die Interaktion mit Menschen dort stattfindet, wo grade zu viel Hintergrundgeräusche vorhanden sind, wie oftmals im Einzelhandel. Seien es übervolle Supermarktkassen, Bäckereien mit piepsenden dröhnenden Öfen im Hintergrund oder Weihnachtsmarktstände. (Wobei bei denen der Lärm echt nicht das einzige Problem ist.) So kommt es also dazu, dass ich in solchen Situationen jedes Mal vorher meinen Überforderungszustand gegen die Unhöflichkeit abwägen muss, die ich dem Einzelhandelsverkaufswesen antue.

Bleibt der Kopfhörer also drinnen, gibt es viele Menschen, die da einfach nicht drauf eingehen, eventuell weil Sie es nicht bemerken, oder weil es ihnen egal ist, oder sie ärgern sich, aber sagen nichts. Dazu muss man sagen, dass solche Situationen in der Regel relativ vorhersehbar sind, dass ich mit etwas Grundlagenfähigkeit im Lippenlesen und Aufmerksamkeit durch einen kompletten Bestell- und Kassiervorgang komme, ohne dass ich auch nur ein Wort von dem hörte, was man mir sagte und das sogar inklusive dem Umstand, dass ich einen angenehmen Tag beim Gehen wünsche. Sollte es doch zu etwas Unerwartetem kommen, muss ich dann halt doch den Handgriff machen und die Kopfhörer rausnehmen.

Es gibt aber auch Menschen, die fühlen sich durch meine Kopfhörer so herabgewürdigt, dass sie das nicht so stehen lassen können und, statt ihre Arbeit zu tun, mir erklären, wie ich mich anständig zu verhalten habe, und auch erst Ruhe geben, wenn ich die Kopfhörer aus den Ohren genommen habe. Eine Kassiererin in einem örtlichen, von Baulärm geplagten Supermarkt ging dabei sogar soweit, mich nicht abkassieren zu wollen, solange ich die Kopfhörer nicht rausnehme. (Ähnliches passierte auch schon mit Sonnenbrillen in Banken.)

Natürlich kann ich verstehen, dass es diese Menschen als unhöflich verstehen. Ich könnte auch verstehen, wenn sie mir das sagen würden. Gespräche wie „Es ist ziemlich unhöflich, die Stöpsel nicht rauszunehmen, wenn Sie mit mir reden.“ – „Ja, tut mir auch Leid, geht aber gerade leider nicht anders.“ sind in der Vergangenheit durchaus vorgekommen, und danach waren beide Seiten zumindest irgendwie halbwegs befriedigt. Was halt einfach nicht geht, ist, dass diese Menschen dann erziehend tätig werden, denn dies steht nach wie vor nur meinen Eltern oder Strafgerichten zu, aber sonst niemandem, zumindest sofern dieser mich nicht adoptiert.

Natürlich wissen sie nicht, dass ich in der Situation nicht viel Wahl habe, und die Situationen sind in den seltensten Fällen so gestaltet, dass ich es ihnen so erklären könnte, dass sie es auch wirklich verstehen. Natürlich ist es das naheliegende, davon auszugehen, dass mir die Höflichkeit in dieser Situation einfach nur egal ist. Die Realität sieht aber halt bei gar nicht so wenigen Menschen anders aus. Und ich glaube auch nicht, dass den Menschen hinterm Tresen damit geholfen wäre, dass ich zu überfordert wäre, um vernünftig zu bezahlen, wenn sie im Gegenzug das Gefühl hätten, meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.

4 thoughts on “Der Kopfhörer bleibt drinnen.”

  1. quoli

    Hast du eigentlich (falls du das nötige „Kleingeld“ dafür besitzt – die Dinger sind leider nicht ganz billig) schon darüber nachgedacht, dir einen Kopfhörer mit Gegenschallkompensation (Noise Canceling) zuzulegen? Diese versuchen den Lärm von außen mit invertierem Gegenlärm auszugleichen, so dass man auf den Dingern auch bei höherem Lärmpegel sehr leise Musik hören kann (idealerweise bei fast stiller Musik nur der Lärm von außen ausgeglichen wird).

    Ich habe mir leider noch keinen zugelegt (wobei ich aktuell auch nicht in einer Situation bin, wo ich in starkem Maße von einem solchen profitieren würde, sonst wäre so ein Ding längst gekauft), weiß aber, dass zumindest in den USA die Dinger mit großer Freude von Programmierern, die bei Lärmpegeln, die für ein konzentriertes Programmieren selbst für unempfindlichere Menschen definitiv zu hoch sind, in Cubicles arbeiten müssen, verwendet werden.

    1. h4wkey3 Post Author

      @quoli Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, es scheitert maßgeblich am nötigen Kleingeld. Ich hab die Dinger mal getestet und war gelinde gesagt begeistert, wobei die halt weniger was für unterwegs sind als viel mehr für Situationen in denen man an einem Ort ist, halt wie du sagtest Zug fahren oder Großraumbüros. In letzterem war es aber in der Regel bisher auch kein Problem wenn ich mir Gehörschutz rein gemacht habe.

  2. JdH

    Ein wichtiges Thema, das leider oft zu Missdeutungen und Missverständnissen führt.
    Dein Text dazu ist – mal wieder – klar und differenziert.

    Gefällt mir gut, danke!

    JdH

  3. Ute

    Ich kann Dich einerseits sehr gut verstehen. Und andererseits auch wieder nicht. Leider, leider gibt es offensichtlich keinen einzigen Kopfhörer im Angebot, der keinerlei Töne an seine Umwelt abgibt. Dein Geräuschproblem kann ich super gut nachvollziehen. Nur, wenn Du Kopfhörer trägst, um die für Dich unerträglichen akustischen Reize auszublenden, wird genau das für mich zu einem weiteren Problempuzzleteil. Denn die Geräusche, die Dein Kopfhörer nach außen dringen lässt, bringen mich derart aus der Fassung, dass ich eigentlich nur noch flüchten kann, wenn ich nicht komplett ausrasten und damit meiner Umwelt auf den Wecker gehen will. Diese subtile Geräuschemission von Kopfhörern ist eine absolute Quälerei für mich. Dasselbe gilt im Übrigen für Mobiltelefonate in öffentlichen Verkehrsmitteln. Insofern ist Deine Lösung leider nicht meine Lösung. Mir hilft nur eins: absolute, wirklich absolute Stille, die lediglich von natürlichen Geräuschen à la Vogelzwitschern, Hundegebell oder Blätterrauschen unterbrochen werden darf. Ich ertrage es ebenso wenig, wenn das Autoradio läuft oder in den 4 Wänden irgendeine Geräuschkulisse (Radio, CD-Player, Fernseher, …) dudelt. Blöd irgendwie. 🙁

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