Man kann alles schaffen, wenn …

Der nachfolgende Text bezieht sich auf Autisten, er ist jedoch ohne weiteres auf weitere psychische Störungen oder Erkrankungen übertragbar.


Wenn man nur genug will, kann man alles schaffen. Wenn man sich nur genug Mühe gibt. Das ist in etwa die Meinung eines gefühlten Drittels aller Kindersendungen und scheinbar auch das Lernziel von einem Haufen Eltern, mit denen ich leider zu tun habe.

Dann schlage ich doch das nächste Mal vor, dass sie, wenn das nächste Mal ein Rollstuhlfahrer vor ihnen am Fahrstuhl steht, hingehen und ihn einfach mal ermutigen, dass er doch auch die Treppe nehmen kann. Oder zumindest die Rolltreppe, aber ein bisschen Entgegenkommen sollte man ja schon erwarten können. Man kann ja nicht die kompletten Erwartungen zurück schrauben.

Würden Sie nicht tun? Würde auch niemand anders tun mit der Intelligenz oberhalb eines Terrassenfarns? Dann stellt sich mir an dieser Stelle die Frage, WARUM ZUM HENKER ERLEBE ICH IM MOMENT MINDESTENS EINMAL DIE WOCHE, DASS IRGENDEIN FARNERSATZ MEINT, AUTISTEN ZU ERZÄHLEN, SIE KÖNNTEN JA AUCH GANZ NORMAL SEIN, WENN SIE SICH NUR NICHT SO ANSTELLTEN?

Dieses Motiv taucht in den unterschiedlichsten Varianten auf und ist auch nicht nur auf Autismus beschränkt. Es scheint einige viele Menschen zu geben, die offenbar nicht dazu in der Lage sind zu erfassen, dass nur, weil sie etwas nicht sehen können, es nicht zwangsläufig nicht da ist. Das mit dem Sauerstoff funktioniert ja auch seit einigen Jahrtausenden, ohne dass den irgendwer sieht. Auf diese Weise werden Nachteilsausgleiche verweigert, denn alle müssen sich ja anstrengen, oder Druck aufgebaut, sich auch endlich mal Mühe zu geben, damit man normal ist.

Der Druck, der damit aufgebaut wird, ist verheerend. Menschen wird damit eingeredet, dass sie ja im Grunde vollkommen normal sind, weil alle Körperteile ja an der richtigen Stelle sind und sie sich nur mal zusammenreißen können.

… Wenn man einem Menschen das lang genug erzählt, glaubt der das irgendwann.

… Wenn Menschen das nur genug glauben, setzen sie sich solange selbst unter Druck normal zu sein, dass sie den Druck, der ohnehin schon auf sie ausgeübt wird, nochmal multiplizieren. Das Ergebnis sind mitunter Menschen mit einem Selbstwertgefühl, das an Hass grenzt, Menschen, die mit dem konstanten Gefühl leben, versagt zu haben.

Aber vor allem sind es Menschen, die dadurch weit hinter dem zurückbleiben was sie können. Druck auf Menschen ausüben hilft ihnen nicht dabei, mit Sachen umgehen zu lernen. Menschen einzureden, sie seien ganz normal und nur faul, hilft ihnen nicht, ihre Bedürfnisse zu erkennen und sie zu berücksichtigen. Ich treffe immer mehr solcher Menschen, die zusätzlich zu ihren Problemen, die sie in den Griff hätten kriegen können, nun noch Depressionen dazu bekommen haben. Natürlich sollte man sich nicht auf der Diagnose ausruhen, aber Druck ausüben, um die gleiche Leistung zu erhalten, wie bei Nicht-Autisten, wird nicht helfen.

Einen Rollstuhlfahrer würden Sie vor der Treppe auch nicht anfeuern, sondern eher Fragen, ob Sie helfen können. Der einzige Unterschied ist, dass Sie die meisten Autisten erst lange reizen müssen, um es bei ihnen zu bemerken. Also seien Sie kein Farn.

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11 thoughts on “Man kann alles schaffen, wenn …”

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  2. Mela

    Das „sich zusammenreissen“ führte bei mir mehrmals direkt in den Zusammenbruch und die medikamentös behandlungsbedürftige Depression.

    Jeder der mit „reiß dich zusammen“ kommt, kann von mir aus ohne Zwischenstop zur Hölle gehen.

  3. Alex

    Ein guter Artikel, danke. Ich würde hier gern noch etwas aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers ergänzen. Denn auch uns sagt man oft, wir sollten uns doch mehr anstrengen, dann ginge das schon mit dem Laufen. Das mit der Treppe ist mir zwar noch nicht untergekommen, aber ich erinnere mich an eine Karikatur aus einer Zeitschrift nach einer wahren Begebenheit, auf der ein Arzt zu einem Rollstuhlfahrer meinte: „Sie sollten mehr Sport machen. Laufen zum Beispiel. Das kann ja jeder.“.

    Das ist sicher ein Extremfall, aber ich erlebe es auch im Alltag immer wieder, dass mir gesagt wird, ich könnte schon wieder laufen, wenn ich mich nur genug bemühen würde, und ich hätte mich bisher wohl noch nicht genug bemüht. Denn man habe da ja neulich eine Sendung im Fernsehen gesehen, in der gesagt wurde, dass das ginge. Mir fällt es offen gestanden meist sehr schwer, in solchen Situationen die Fassung zu bewahren. Denn – und das lese ich auch aus deinem Artikel heraus und kann es nur bestätigen – das verletzt.

    Du siehst, uns passiert das genauso. Die Sichtbarkeit einer Behinderung schützt nicht davor.

    Einen Aspekt sehe ich allerdings an deinem Artikel kritisch. So schreibst du zum Beispiel „Menschen wird damit eingeredet, dass sie ja im Grunde vollkommen normal sind, weil alle Körperteile ja an der richtigen Stelle sind und sie sich nur mal zusammenreißen können.“. Was du hier mit „normal“ bezeichnest, ist wohl eher „der Vorstellung der Mehrheit entsprechend, was normal zu sein hat.“. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Menschen mit Behinderungen oder psychischen Störungen SIND normal, und zwar MIT ihren besonderen Eigenschaften, die die Gesellschaft leider immer noch nur als Defizite sehen. Wir sollten uns aber nicht dadurch auch noch selbst ausgrenzen, dass wir uns – wie du hier indirekt tust – selbst als „nicht normal“ definieren. Wir sollten den anderen vielmehr deutlich machen, dass diese Eigenschaften eben zu uns gehören und wir so, wie wir sind, ein Teil der Normalität sind. Tun wir das nicht, werden sie nämlich immer wieder versuchen, uns in ihre Definition von „normal“ zu pressen und uns dementsprechend zu verändern, was genau zu dem Druck führt, den du sehr schön beschreibst. Ich finde hier den Leitsatz des Beirats von Menschen mit Behinderungen der Stadt Heidelberg sehr schön, der besagt „anders wird normal“. Oder um es mit dem Erfinder des Star-Trek-Universums, Gene Roddenberry, zu sagen:

    “Star Trek was an attempt to say that humanity will reach maturity and wisdom on the day that it begins not just to tolerate, but take a special delight in differences in ideas and differences in life forms. If we cannot learn to actually enjoy those small differences, to take a positive delight in those small differences between our own kind, here on this planet, then we do not deserve to go out into space and meet the diversity that is almost certainly out there.”

    Lasst uns seine Vision zum Leben erwecken und Wirklichkeit werden!

    1. Silke Burmeister

      Eine kleine Korrektur muss ich hier schon einfügen: „normal“ gilt per Definition das, was von der Mehrheit als „gewöhnlich“, „durchschnittlich“, „gegeben“ angenommen wird… und bei dem Wort angenommen stoßen wir auch schon auf den Kern des Problems, denn „angenommen“ bezieht sich nicht auf Fakten oder Wissen sondern auf „glauben, dass etwas auf eine von der Mehrheit definierte Art zu sein hätte“….

  4. Anita

    Danke!

    Der Druck potentiert sich!

    Er macht ein schlechtes Selbstwertgefühl und starke Depressionen!

    Und auch Eltern werden derartig unter Druck gesetzt!

    – Ihrem Kind mehr zuzutrauen
    – Ihr Kind noch mehr zu „schieben“
    – Ihr Kind als normal zu betrachten

    Daraus erwächst dann enorme Wunsch bei den Betroffenen noch unauffälliger zu wirken, damit sie dies nicht mehr hören müssen.

    Das dann der/die Betroffene und deren Bezugspersonen irgendwann einfach nicht mehr können, wird vollkommen außer Acht gelassen. Oder es wird ihnen die „Wahl“ eröffnet, eben nicht die Regelschule zu besuchen oder oder oder ………..

    Eine Spirale, die die Betroffenen noch mehr ins Aus schickt!

    Ein Teufelskreislauf, der durchbrochen werden MUSS!

  5. fourierfilter

    Das perfide ist ja das, was du auch in „Grenzwertbetrachtung“ beschrieben hast: Manche von uns Autisten schaffen es temporär durchaus, „normal“ auszusehen, uns „normal“ zu verhalten*. Das kostet uns was, und unsere Kompensationsmechanismen funktionieren völlig anders als das, was „normale“ Menschen in den entsprechenden Situationen tun, aber oberflächlich gesehen sind wir dann halt „normal“. Das trägt natürlich massiv dazu bei, einem selber Druck einzureden. Man kann nur schwer dagegen argumentieren, denn es stimmt ja unter Umständen sogar: Mit gewaltiger Anstrengung schafft man vielleicht zeitweise wirklich was.

    Und bricht dann ein paar Jahre später spektakulär zusammen…

    __________________
    *Das ist überhaupt so ein Problem: „Normalität“ nur am Verhalten festzumachen und nicht auch daran, wie es innen aussieht, wie es einem geht. Das sehe ich auch oft bei NT-Eltern autistischer Kinder: Da wird „Schwere“ daran festgemacht, wie sehr das Kind normgerechte Anforderungen erfüllt, statt auch mal zu fragen, worunter es eigentlich leidet und ob überhaupt. Nicht Sprechen z.B. ist IMHO oft für die Eltern schlimmer als für die Kinder selber…

  6. fourierfilter

    Im Übrigen finde ich diesen „Man kann alles schaffen, wenn man nur genug will“-Satz schon immer irgendwie fragwürdig: Rein sachlich ist der halt einfach falsch. Es passieren auch Dinge, die man nicht durch „Wollen“ beeinflussen kann – oder die man überhaupt gar nicht beeinflussen kann. Wenn mir jemand sowas als „Ermutigung“ sagen will, irritiert mich das immer extrem: „Aber das ist doch Unsinn, es kann so viel anderes passieren…“

    (Hindert mich allerdings nicht daran, selber Druck auf mich aufzubauen, weil „es vielleicht mit mehr Anstrengung doch geht“. Tja.)

    Natürlich ist es nicht schlecht, Leute nicht direkt zu entmutigen, und zu sagen „Man kann auch Dinge schaffen, die sehr unwahrscheinlich erscheinen, die dir keiner zutraut, wo du keinen kennst, der das je gemacht hat“. Völlig richtig. Aber eben dann auch „Wenn’s nicht klappt, obwohl du es sehr willst, gibt es meistens noch andere Alternativen, die auch gut sind“.

    Man muss sich doch nicht in eine Sache verbohren, sondern kann auch was anderes machen und glücklich werden. Oder zumindest halbwegs zufrieden, das ist ja auch schon was.

  7. h4wkey3 Post Author

    @Alex Und wieder einmal unterschätze ich die Menschheit und das Ausmaß der schwachsinnigen Gedanken die sie denken und sogar formulieren. Ich schaffe es meistens irgendwie auf meiner Zunge rumzukauen um äußerlich ruhig zu wirken, irgendwann geht es halt nicht mehr, daraus resultierte auch dieser Blogtext. Es erschreckt mich, dass du ähnliches zu hören bekommst.

    Zur Normalität: Ich verwende normal in diesem Text in dem Sinne, wie es die meisten Menschen verwenden. Im Sinne der Abweichung von der Norm, welche durch die Mehrheit definiert wird. Ich verstehe, dass sich das durchaus mit einer Definition „beißt“. Ich hab zur Normalität jedoch einen anderen Standpunkt. Ich betrachte mich selbst durchaus nicht als normal genau so wenig wie jeden anderen Menschen. Ich habe nämlich noch keinen Menschen getroffen, der dieser abstrakten Definition entsprach, die meisten Menschen sind nur einfach besser darin das zu verstecken. Und an dieser Stelle ist das Resultat meiner Definition, das selbe wie bei deiner Definition, nämlich dass Unterschiede nichts ungewöhnliches, sondern eine Bereicherung.

  8. Rosa

    @fourierfilter Meiner Meinung nach ist der Satz „Man kann alles schaffen, wenn man nur genug will.“ Ausdruck eines Mechanismus zur psychischen Verteidigung. Wie du schon angemerkt hast, passieren sehr viele Dinge die der Mensch nicht willentlich beeinflussen kann. Genau genommen trifft das sogar auf fast alles zu, was uns umgibt. Trotz grosser technischer und medizinischer Fortschritte, gibt es eigentlich sehr wenige Dinge die wir wirklich willentlich beeinflussen können. Ich denke, dass uns dies so sehr beängstigt, dass wir es zu einem grossen Teil verdrängen. Wir gehen sogar oft so weit ins genaue Gegenteil zu verfallen. Die Realisation „Wir haben keinen Einfluss auf viele Aspekte unseres Lebens.“ wird durch den Anfangs erwähnten Satz ersetzt. Offensichtlichere Einschränkungen (körperlich, psychisch oder situationsbedingt… in Bezug auf das Leben in unserer Gesellschaft) die wir bei einer anderen Person beobachten, empfinden wir als bedrohlich. Diese Bedrohung droht die ganze „Man kann alles schaffen, wenn man nur genug will.“ zum Zerplatzen zu bringen. Die starke (und oft irrationale) Reaktion auf die (aus welchem Grund auch immer) Eingeschränkten, ist dann eine Art Materialisierung dieses Verdrängungsmechanismus.
    (Das ist natürlich nur eine Theorie von mir, es könnte alles vollkommen anders sein 😉

    Das ganze macht die Konfrontation mit dieser Einstellung nicht einfacher, aber mir hilft dieser Gedanke. Denn er sagt ja eigentlich aus, dass diejenigen, die mir das Gefühl gegen schwach und ein Versager zu sein, im Grunde genommen Angst vor ihrer eigenen Schwäche haben.

  9. Mark Ohhh

    Ein erschreckend herrlicher Artikel … Ich selbst komme zwar mehr aus der Ecke Depression/Angststörung, aber das „stell dich nicht so an“ kenne ich nur zu gut – in vielen, vielen Variationen von vielen Menschen, die sich grösste Mühe geben, jede psychische Störung noch rational verstehen zu wollen und unfähig sind, es einfach als gegeben hinzunehmen.
    Das mit hinterfragen und Unverständnis der Schaden nur schlimmer wird, wollen diese meist leider nicht begreifen.

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