Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die „Norm“?

Dieser Text der Reihe “Autismus quergedacht” ist umgezogen. Wie es dazu kam ist hier erklärt.

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Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die „Norm“?

12 thoughts on “Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die „Norm“?”

  1. Petra

    Vor kurzem hatte ich eine Schulung durch das Versorgungsamt. Es haben sich ja im Schwerbehindertenrecht gravierende Änderungen gerade für Autisten ergeben. Eine Sache möchte ich an dieser Stelle unbedingt ansprechen, damit es möglichst viele mit bekommen: Es gibt keinen sogenannten „Bestandsschutz“ mehr. Das heißt, wer jetzt einen Ausweis hat, der muss sich SEHR genau überlegen, ob er einen Änderungsantrag stellt, denn es ist nun möglich, dass nicht nur gegen den Änderungsantrag entschieden, sondern dass man sogar aufgrund der neuen Gesetzeslage herunter gestuft wird!

    Was Neuanträge betrifft, so ist es unbedingt notwendig, die einzelnen Probleme möglichst deutlich zu machen. Das kann z.B. durch Therapie-Berichte, Pflegegutachten oder Zeugnisse belegt werden, aber man sollte auch durchaus selbst schreiben, wo bei einem persönlich die täglichen Schwierigkeiten liegen. Was dabei als „normal“ gilt und was nicht, kann man unter anderem unter dem Stichwort „Pflegezeitbemessung“ ergoogeln. Und diesen Bericht sollte man auch unbedingt dem Antrag beifügen.

    Letztendlich steht nach neuer Gesetzeslage fest, Autismus ist zwar immer eine Behinderung (das heißt, es gibt Prozente nach dem GdB) aber nicht automatisch eine Schwerbehinderung (ab 50% GdB). Auch wenn es auf den ersten Blick sehr unfair aussieht, so ist diese Verbreiterung der Grenzen passend zu dem großen Spektrum des Autismus. Es ist nur jetzt umso wichtiger, deutlich zu machen, wie sehr der Autismus den Alltag beeinträchtigt. Und das ist vermutlich für den Autisten selbst gar nicht so einfach zu beurteilen, weil er ja schon sein ganzes Leben mit dem Autismus lebt. Holt Euch also Hilfe von Leuten die Euch kennen. Macht bei der Antragstellung die Probleme überdeutlich. Das heißt nicht lügen, sondern es durch Adjektive und Adverben klar herausstellen. Die Leute vom Versorgungsamt können es sich nicht vorstellen wie es ist, darum muss es umso detaillierter und deutlicher sein.

    Wie behindert man sich fühlt, ist meiner Meinung nach nicht unbedingt vom GdB, sondern viel mehr von der Umgebung abhängig, in der man sich bewegt. Wir haben hier eine tolle Nachbarschaft, wo auch die „anderen“ voll integriert sind. Aber sowas ist nicht selbstverständlich.

    Meiner Meinung nach gibt es gar keine Norm. Das ist etwas künstlich Bestimmtes, weil irgendein Bürokrat Grenzen ziehen wollte, um alle Menschen schön in Schubladen packen zu können. Diese sogenannte „Norm“ mag bei Behörden und vielleicht auch im Berufsleben wichtig sein. Wenn man es aber schafft, im Privatleben eine Umgebung zu haben, wo diese „Norm“ keine Rolle spielt, dann ist das einfach nur toll. Vielleicht sollten wir als erstes anstreben, genau das zu erreichen. Da haben wir vermutlich die größte Chance zur Veränderung.

    1. hewritesilent

      Autismus ist auf jeden Fall eine Behinderung, da nicht heilbar ist. Wäre er heilbar, wäre er keine Behinderung, sondern eine Krankheit. Leider wissen autistische Menschen jedoch nicht, wie das Leben eigentlich ist, auch wenn sie in ihrer Welt wohl fühlen, aber für Aussenstehende wirken.

      Deshalb finde ich persönlich, dass Autismus, in nicht böswilligem Sinne sehr wohl eine Behinderung ist. Autismus „behindert“ die Betroffenen am sozialen Einklang mit ihren Mitmenschen und sich selbst. Autismus“behindert“ die Betroffenen (die einen mehr, die anderen weniger) in ihrem Durchhaltevermögen während der Arbeit, bei der die Vorgaben von NTs, also Menschen stammen, die eine andere Denkstruktur haben und in vielen anderen Sachen.

      Ich habe zum Beispiel eine Bekannte, die ist im Rollstuhl und trotzdem wohnt sie alleine und ist total selbsständig. Vielleicht braucht man einen Ausweis und vielleicht braucht man etwas Rücksichtsnahme, aber das heisst nicht, dass man nichts schaffen kann.

      In der Tat, wer sich nicht behindert fühlt, sollte auch bitte keinen Schwerbehindertenausweis beantragen.

      [Der Kommentar wurde von mir in Rücksprache mit dem Autor editiert um ihn besser verständlich zu machen. gez. Hawkeye]

      1. Hawkeye

        Das Autismus in jedem Fall eine Behinderung ist, ist nicht für alle so klar, das Problem an deiner Begründung ist, dass es eine Menge unheilbare Krankheiten gibt, die keine Behinderungen sind. Für mich ist eine Behinderung etwas das eine reguläre Teilhabe am öffentlichen Leben über längeren Zeitraum hinaus beeinträchtigt. Das sehe ich bei Autismus auch erfüllt.
        Ich sehe es allerdings relativ kritisch, das du mir und anderen das Wissen darum absprichst, wie die Welt ist. Ich lebe nicht in meiner eigenen Welt und das sagen viele Autisten von sich. In einer eigenen Welt wäre mein Leben wohl deutlich entspannter. Das mit der eigenen Welt ist ein ziemlich gängiges Vorurteil, das aber längst nicht bei allen Autisten so ist. Noch so eine Sache die der Blog hier auch zeigen soll.

    1. Petra

      @ Autist: Wenn Du Dich nicht behindert fühlst, dann besteht auch keine Notwendigkeit, dass Du Dich als behindert ansiehst.

      Behindert ist laut Versorgungsamt jeder, der länger als 6 Monate in der „normalen Lebensweise“ eingeschränkt ist. Das heißt, auch Menschen die z.B. an Krebs erkranken, können behindert werden. Behinderte sind nicht immer im Rollstuhl sitzende, total hilflose Vollzeitpflegefälle. Wenn sich ein Autist so wie er ist gut fühlt und auch keine Probleme mit seiner Umgebung hat, dann würde ich den auch nicht als behindert ansehen. Es ist also völlig OK, wenn man Autismus NICHT immer als Behinderung ansieht.

      Man darf dabei nur nicht vergessen, dass es eine rechtliche Seite (Versorgungsamt, Krankenkasse etc.) und eine „gefühlte“ Seite gibt. Niemand muss einen Schwerbehindertenausweis beantragen, das ist freiwillig! Aber ohne diesen hat man natürlich dann auch nicht die Vorteile, die sich daraus ergeben (ebenso aber natürlich auch keine Nachteile). Es ist etwas, was JEDER individuell für sich entscheiden muss. Es kann da keine allgemein gültige Aussage oder Empfehlung geben.

  2. MischaSoleil

    Mein Kommentar gerät jetzt wahrscheinlich etwas brainstormmäßig, weil ich wahrscheinlich rauf- und runterscrollen werde, sorry schonemal vorsorglich!

    Alexithymie … Wenn jemand die Sache mit den Gefühlen durch Denkleistung erfassen muss, weil´s intuitiv halt nicht geht, dann sehe ich nicht ein, dass das zu einer geistigen Behinderung gehören soll, vielmehr im Gegenteil: Das soll erst mal einer nachmachen (oder es ein Leben lang versuchen, however).

    „Denke ich als Autist anders?“ Ich glaube, die Vorgehensweise beim Denken ist oft(?) eine andere. Oder kann man sagen: Die Technik dabei? Kann das aber nicht beschreiben und das ist mal eben nur mein Eindruck, da ich mich mit Autismus allgemein (noch) so gut wie gar nicht auskenne. Ob das für mich eine Behinderung ist? Jap. Isses. Aber bewerte den Begriff „Behinderung“ nicht positiv oder negativ. Ist halt, was es ist. Bremst oft unnötig.
    Eine „seelische Behinderung“? Nein.
    (Ich möchte im nächsten Leben ein autistisches Marienkäferchen werden, muss ich für´s entsprechende Karma jetzt lernen besser zu lügen? O_o)

    Ob Autismus eine geistige Behinderung ist, finde ich ziemlich diskussionshinfällig … ^^ (Ist er nicht. Wieder nur meine Meinung.)

    Joah, die Sinnesbehinderung. Auch nach oben hin (wenn zu viele Reize aufgenommen werden) ist das für mich keine Behinderung. Nur wenn mir kein adäquater und in erster Linie für mich selbst zufriedenstellender Umgang damit gelingt, dann bin ich eingeschränkt. Behindert von mir aus. Im Wortsinn bitte. Dann gelingen mir nämlich erst mal ganz andere, grundlegende Dinge nicht.

    Ein einigermaßen hoher IQ kann im Weg sein, jap. Diesen als Behinderung betrachten? Nope. (Jemanden für dumm zu erklären, weil man ihm vielleicht SELBER nicht folgen kann? Vielleicht ist´s oft einfach nur ein klassischer Fall von Übertragung, aber eben eine Konsequenz, die sich aus der Mehrheit ergibt, durchschnittlich intelligente Menschen sind die Mehrheit. Und wiederum NT. Hoff ich doch, sonst bricht mein Erklärungsgerüst gleich wieder zusammen. ^^)

    Ich seh einen höheren/hohen IQ speziell bei Autisten wie eine (Daten-)Leitung, bei dem öfter mal das Rückschlagventil versagt. Passt auch zu den Sinnen, finde ich.

    Körperbehinderung. Obwohl das Hirn zum Körper gehört, möchte ich eine Körperbehinderung auch ausschließen. Aus völlig pragmatischen Gründen: Als möglicher Autist werde ich mich damit nicht an einen Physiotherapeuten wenden. Nur als Beispiel. 🙂

    Zu „Leicht, schwer oder gar nicht“ behindert: Ich finde den spitzen Unterton immer noch nicht. ^^
    Aber da läuft sowieso einiges krumm und schief bei der ganzen Einteilerei. Eine Skala oder ähnliches? In Ordnung. Warum nicht, zur Orientierung finde ich sowas nicht verkehrt. Aber der Leidensdruck, der hinter den als zutreffend angekreuzten Punkten steht, damit der GdB ermittelt werden „kann“, wird selten ernsthaft erfragt. Kreuzchen gibt´s dafür nicht, glaub ich. Mit dem Sich-Mitteilen ist das auch so eine Sache. Und der jeweils entsprechende Leidensdruck wird einfach vorgefertigt unterstellt.

    Aber ich bin gar nicht so der Ansicht, dass ein Autist dafür wissen muss, wie´s „normalerweise“ wäre. Mir gegenüber wär das jedenfalls ein Vergleich mit dem ich eh nix anfangen kann, Kreis geschlossen, Problem nicht vorhanden, fertig.
    … wieder einer angewackelt und will Dinge von mir wissen, von denen ich nix vestehe, damit MIR jemand wohlgesonnen ist, obwohl DER mich nicht interessiert, damit ich einen GdB errechnet bekomme, der mich nur sehr unzureichend zusammenfasst, damit ich einen Pass bekomme, der in keine Geldbörse passt ohne zu verknautschen … Naja.

    Leicht, schwer oder mittel? Egal, mal mehr mal weniger, mal gar nicht. Zwischendurch aber auch gerne mal im Minusbereich! Aber diese Tatsache wird von den Behörden leider nicht akzeptiert.
    (Von der Mehrheit auch nicht, glaub ich.)

    Wer oder was behindert einen? Dem kann ich bloß zustimmen: Die Umwelt ist nicht allein schuld. Ich möchte schon noch gerne zugestanden bekommen, dass ich zu eigenverantwortlichem Handeln fähig bin. *got it?*

    Danke für den großartigen Artikel. Und entschuldigung, dass ich hier so viel geschrieben habe. Aber dafür kann ich nix, schreib nächstens doch einfach schlechter. 😛

    @Petra: Stimmt nicht ganz, dass jeder die Wahl hat einen Behindertenausweis zu beantragen oder eben nicht. Es gibt auch Menschen, bei denen das einfach mal ein gesetzlicher Betreuer entscheidet. 🙂

  3. Pingback: Gute Frage: Was ist das eigentlich die “Norm” beim Thema Behinderung? | entia Blog

  4. netwolff

    Ich finde den Beitrag und auch die Antworten hochinteressant. Mir kommt allerdings eine Frage in den Sinn: Warum eigentlich dieser starke Wunsch nach Abgrenzung zu „den Behinderten“? Tragen Behinderte neuerlich ein Schild „behindert, daher minderwertig“ auf dem Rücken?
    Ich meine es nicht böse, ich frage nur bewusst hart, denn das wirkt auf mich als Außenstehenden so, als wäre der Versuch da sicherzustellen, dass man eben „über“ der Ebene „behindert“ steht – zynisch gesagt also zwischen „normaler Mensch“ und „behinderter Mensch“, ähnlich einem Kastensystem.

    Geht es euch um die moralische Einstufung oder um die rechtliche / gesundheitliche Einstufung?

    Und ob ihr behindert seid oder nicht, wisst ihr doch selber am besten, oder? Ich bin medizinisch vollkommen gesund, behindere mich aber selber mitunter recht anständig 😉

    1. Hawkeye

      Ich bin selbst auch vollkommen gesund, wenn man von einer leichten Erkältung einmal absieht.
      Autist bin ich. Als behindert betrachte ich mich selbst auch. (Sonst dürfte ich auch keinerlei Nachteilsausgleiche wahrnehmen) Ich sehe es so, das mich der Autismus durchaus im Alltag behindert. Das sorgt schonmal dafür, das ich von anderen Autisten entsetzt angeschaut werde wie ich sowas nur sagen kann. An der Stelle lade ich sie dann meist ein, das ganze Samstag Nachmittag im Alexa (ein wirklich unangenehm großes Einkaufszentrum am Berliner Alexanderplatz) mit mir auszudiskutieren. Da merkt man dann schon irgendwie das da mich etwas behindert in meinem Leben. (Nur ein Beispiel)
      Ich denke die Abneigung vieler Autisten dagegen als Behindert betrachtet zu werden kommt durch die negative Vorbelastung dieses Begriffs die in vielen Köpfen tief drin sitzt. Auch in den Köpfen vieler Autisten.

    2. quergedachtes Post Author

      Hallo Netwolff,

      ich wollte mit meinem Beitrag mich weder von Behinderten noch von „nicht Behinderten“ abgrenzen. Das Thema Behinderung spielt bei Autismus eine nicht ganz unwichtige Rolle und ich wollte mich dem Thema unvoreingenommen und gesamt widmen. Das schliesst z.B. auch ein, dass ich die geistige Behinderung thematisch nicht ausgeschlossen habe.
      Was ich vielmehr, aber das kam auch erst während des Schreibens, ausdrücken wollte: Es kann eigentlich keine „Norm“ geben. Weder bei „Behinderung oder nicht“ noch bei „Art der Behinderung“ oder gar bei „wie stark behindert ist man“. Daher evtl. der Eindruck eines „darüber“ stehens.

      Im kommenden Blogposting werde ich mich nochmal mit der Thematik Norm befassen und auch auf solche Punkte wie „Behinderung ablehnen“ und „ich bin aber nicht…“ eingehen.

      Grüße

      Querdenkender

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